Über einigen Tassen Chai war es Abend geworden. Rinky nahm ihren Sohn auf den Arm und ging in das Haus ihres Mannes zurück. Pinky ließ mich mit gepunkteten Fingernägeln zurück, krempelte die Ärmel hoch und machte sich in der Küche daran, das Abendessen vorzubereiten. Raju und Ravi führten mich auf die Dachterrasse, wo man zwischen trocknender Wäsche hindurch in die Gassen des umliegenden Viertels schauen konnte. Von dort oben sahen wir auch, dass Babus Mutter nach Hause kam. Ein dunkelrotes Tuch lag auf ihren Schultern, die nach einem langen Arbeitstag müde herabhingen. Wir gingen ihr entgegen und nahmen ihr die schweren Körbe ab, die sie bei sich trug. Babus Mutter war mit ihren 43 Jahren immer noch schön, doch tiefe Furchen umspielten ihren Mund und die Augen lagen in dunklen Schatten. Sorgen und harte Arbeit hatten ihre Spuren hinterlassen. All dies verflog jedoch, sobald sie lächelte. Ihr Lachen war erlösende Leichtigkeit und ich verstand sofort, warum Babu so sehr an seiner Mutter hing.
Wir setzen uns ins Wohnzimmer und Ravi berichtete, wie wir den Tag verbracht hatten. Kurz darauf kam auch Babus Vater nach Hause. Der beleibte Mann setzte sich zu uns, behaglich die Hände auf dem Bauch gefaltet. Er sprach nicht viel, lauschte der Unterhaltung aber mit zufriedener Miene und lächelte wohlwollend vor sich hin. Er arbeitete als Rikschafahrer. Ich erinnerte mich, dass Babu in Ceuta erzählt hatte, sein Vater sei Gemüsehändler und besitze zwei Läden. Ich war verwundert, behielt es aber vorerst für mich. Babus Mutter arbeitete in einem Frauenkollektiv. Sie und die anderen Frauen kauften den Bauern Weizen ab, bereiteten ihn auf und verkauften ihn weiter. Es war eine harte, anstrengende Arbeit. Zusammen mit dem Lohn ihres Mannes kam die Familie auf einen Verdienst von etwa 500 Rupien am Tag, das waren gerade mal 7 €. „Es reicht für Haushalt und Lebensmittel“, sagte Raju. „Aber die Schulden abzuzahlen, die sie für Babu gemacht haben, ist so gut wie unmöglich.
Nach Babus Aufbruch hatte die Familie Monate lang nichts von ihm gehört. Doch irgendwann klingelte das Telefon. Seine Stimme klang leise und weit entfernt. Etwas war schief gelaufen. Er war planmäßig von New Delhi nach Mali geflogen. Von Bamako hatte man ihn nach Gao gebracht, von wo aus er durch die Wüste weiter nach Europa reisen sollte. Die indischen Agenten arbeiteten mit Partnern in Algerien und Marokko, die sich vor Ort um den Transfer kümmerten. Sie hatten Babu zu einer Gruppe anderer Passagiere gebracht, alles junge Männer aus Punjab. Sie waren in einen dunklen Keller eingesperrt – zu ihrer eigenen Sicherheit, wie man ihnen sagte, damit sie nicht auffielen und jemand die Polizei verständigte. Erst Wochen später ging es weiter. Die Schlepper waren in der Nacht mit einem großen Transporter vorgefahren, auf den die Passagiere klettern sollten. Etwa dreißig Personen drängten sich auf der Ladefläche zusammen und hielten sich aneinander fest. Dann ging es los und der Transporter raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf die Passagiere in die Nacht hinaus. Erst als am nächsten Tag der Abend dämmerte, machten die Fahrer eine Pause und hielten in einem verlassenen Dorf in den Dünen. Sie ließen Babu und die anderen absteigen und überreichten ihnen ein Telefon. Dann fuhren sie weg und ließen die jungen Männer mit den Worten zurück, die Reise ginge erst dann weiter, wenn sie mehr Geld besorgt hatten.
Nach Babus verzweifeltem Anruf hatte die Mutter stundenlang dagesessen und schluchzend das Gesicht in den Händen vergraben. Ihr Sohn war am anderen Ende der Welt in irgendeiner Wüste. Und er war in Gefahr. Die Nachricht hatte so bizarr, so unwirklich geklungen. Doch es gab keinen Zweifel: Es war bitterer Ernst. Immer wieder versuchten ihr Mann und die Kinder sie zu beruhigen, obwohl sie genauso große Angst um ihn hatten. Doch in den ersten Schrecken mischte sich das beklemmende Gefühl materieller Verzweiflung. Denn woher sollte die Familie das geforderte Geld nun auftreiben? Wieder musste sie ihre Bekannten anflehen, ihnen nochmals Geld zu leihen. Auch als Babu in Marokko war und nur knapp die gescheiterte Überfahrt mit dem Schlauchboot überlebt hatte, musste die Familie Geld besorgen, damit er den Platz im Armaturenbrett bezahlen konnte. Der Versuch glückte, doch der Schuldenberg der Familie war nun auf insgesamt 9 Lakh angewachsen, fast 13.000 €.

Grenzen am Horizont begleitet Babu in das Lager in den Wälder von Ceuta, in das er sich aus Angst vor Abschiebung zurückgezogen hat. Das spanische Paar Afri und Antonio, das ihn in ihrem Laden aushelfen lässt, sind für Babu wie Ersatzeltern  fern seiner richtigen Familie. Diese hat in Indien mit den Schulden zu kämpfen, die sie für die Schlepper auf sich genommen hat, die Babu nach Europa gebracht hatten. Das Buch erzählt von ihrer Situation in Punjab, in der die Migration ins Ausland die einzige Möglichkeit ist, aus dem Kastensystem auszubrechen.