Gilbert Tsimi Evouna, Bürgermeister der Stadt Yaoundé, war ein Herr der alten Schule: streng, autoritär und mit dem klar gesetzten Ziel, aus Yaoundé eine moderne und saubere Stadt zu machen. Die Hauptstadt des Landes sollte im schönsten Glanz erstrahlen, wenn internationale Geschäftsleute und Touristen zu Gast waren. Um Yaoundé zum Schaufenster des Landes aufzupolieren, griff Evouna zu rabiaten Methoden: Er hatte ganze Stadtteile mit Bulldozern abreißen und die Überreste verbrennen lassen. Die bidonvilles, Wohnviertel aus selbstgezimmerten Barracken, in denen die ärmere Bevölkerung lebte, passten nicht in das moderne Imagekonzept. Auch mobile Händler, die sich keinen eigenen Laden leisten konnten und ihre Ware auf dem Kopf trugen, sollten im neuen Stadtbild keinen Platz haben. Immer wieder konfiszierten Polizisten ihre Waren.
Die Bevölkerung hatte zu ihrem Bürgermeister ein gespaltenes Verhältnis. Die einen waren begeistert, dass endlich einmal jemand für Ordnung sorgte. Die anderen empfanden die Maßnahmen als zu hart und hatten Mitleid mit den Opfern: Tausende Menschen hatten durch die Zerstörung der Barracken ihr Zuhause verloren. Viele junge Menschen, für die es keine Arbeit gab, verdienten sich als mobile Händler ihren Lebensunterhalt. Wurde ihnen die Ware konfisziert, war das ein herber Verlust für sie und diejenigen, die von ihrem Einkommen abhängig waren. Evouna hatte in der Bevölkerung den Spitznamen
Jack Bauer, so wie der Protagonist der amerikanischen TV-Serie 24, einem Agenten, der für seine schonungslosen, rabiaten Methoden bekannt ist.
Auch vor dem
Palais de la Justice war es immer wieder zu rigorosen Maßnahmen gekommen, die die Händler vertreiben sollten. So auch an dem Tag, der Cyrille seine Heimat kostete. Er und seine Freunde hatten ihre Kopierer am Straßenrand vor dem Justizpalast positioniert, damit ihre Kunden aus dem Gerichtsgebäude sie gleich sehen konnten. Schon einige Mal war es vorgekommen, dass der Sicherheitsdienst des Gerichts aufmarschiert war und im Auftrag des Bürgermeisters die Straße räumen ließ. Die Händler hatten ein Geheimzeichen vereinbart. Wenn sich Sicherheitskräfte oder Polizisten näherten, riefen sie: „Awara, awara.“ In der Sprache der Fulbe bedeutete das Regen. Wenn dieser Warnruf ertönte, hatten die Händler Zeit zu verschwinden und ihre Waren in Sicherheit zu bringen.
Auch an Cyrilles Schicksalstag war dieser Ruf erklungen. Der Sicherheitsdienst war wieder einmal unterwegs und wies die Händler an, den Bürgersteig zu räumen. Auch vor den Tischen mit den Kopierern machten sie keinen Halt. Cyrille und seine Freunde versuchten die Wächter zu überreden, dass sie bleiben durften. Wenn sie ihre Tische schon wieder abbauen mussten, würden sie den ganzen Tag kein Geld einnehmen. Sie verdienten ohnehin nicht viel und mussten damit ganze Familien ernähren. Die Diskussion schaukelte sich hoch, wurde erst zum Streit, dann zum Handgemenge. Einer der Sicherheitskräfte wollte endgültig für Ruhe sorgen, schnappte sich einen Kopierer und schmetterte ihn so zu Boden, dass er zerschellte. Es war Cyrilles Kopierer. Das Gerät, für das er sein ganzes Erspartes geopfert hatte. Seine einzige Einkommensquelle. Cyrille hielt inne und blickte stumm auf die Trümmer am Boden. In ihm wuchs der Zorn. Fassungslose, ohnmächtige Wut. Adrien, der von der folgenden Schlägerei erzählte, zog die Brauen hoch und pfiff durch die Zähne. So aufgebracht hatte er Cyrille noch nie erlebt. Dieser hatte den Sicherheitsmann am Hemdkragen gepackt, ihn hochgehoben und auf einen der Tische geworfen. Die anderen Sicherheitsleute stürzten sich auf Cyrille. Dieser kämpfte wie ein Tiger, für das Recht, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu dürfen. Gegen die Gleichgültigkeit, die die Regierenden gegenüber jungen Menschen wie ihm an den Tag legten. Irgendjemand hatte die Polizei gerufen. Sie übermannten Cyrille und brachten ihn aufs Revier in Polizeigewahrsam. Nach ein paar Tagen konnte er aus der Zelle entkommen. Danach hatte man ihn in Yaoundé nie wieder gesehen.“
Die Polizei ging streng vor gegen Leute, die sich den Autoritäten nicht beugten. Nur wenige Monate nach dem Vorfall vor dem Justizpalast war es im ganzen Land zu Aufständen gekommen. Am 26. Februar 2008 waren in Douala und am 27. Februar in Yaoundé die Menschen auf die Straße gegangen. Begonnen hatte alles mit einem Streik der Taxifahrer, die gegen die Erhöhung des Benzinpreises protestierten. Im Laufe des Vormittags schlossen sich auch andere Teile der Bevölkerung dem Streik an, denn auch die Lebenshaltungskosten im Land wurden teurer und teurer. Die Menschen hatten immer weniger das Gefühl, dass ihrem Präsidenten Paul Biya ernsthaft am Wohle des Volkes gelegen war. Es war zudem bekannt geworden, dass er kurz zuvor durch eine Verfassungsänderung eigenständig seine Amtszeit verlängert hatte. Paul Biya war 1982 an die Macht gekommen und regierte seitdem das Land mit strenger Hand. Unter ihm gedieh die Korruption und durch Kamerun verlief eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich, Jung und Alt. Die alte Generation krallte sich an ihren Positionen fest und räumte den Jungen keinen Platz ein. Der Streik der Taxifahrer wurde zu einer handfesten Straßenschlacht. An vorderster Front kämpfte die Jugend. In sie hatte sich die Frustration so tief eingefressen, dass sie sich im eigenen Land keine nennenswerte Chance mehr gab. In ihrer Wut zog sie randalierend durch die Straßen, plünderte Supermärkte und setzte Geschäfte in Brand. Das Militär ging mit großer Brutalität gegen sie vor, fuhr mit Panzern auf und schoss in die Menschenmenge. An diesen Tagen hatte es viele Tote gegeben.
„Verstehst du jetzt, was es bedeutet, in diesem Land zu leben?“ Eric hatte den Weg zurück zum Gerichtsgebäude eingeschlagen. Seine Mittagspause war vorbei. Für ihn war Cyrilles Wutausbruch vor dem Palais de la Justice ein Vorzeichen für die Aufstände, die ein paar Monate später im ganzen Land aufflammen sollten. Eric arbeitete am Gericht, doch das Vertrauen in sein Land und in die korrupte Justiz war genauso angeschlagen wie beim Rest der Bevölkerung. „Die Gefängnisse in Kamerun sind voll von Leuten, die noch nie einen Richter gesehen haben“, sagte Eric. „Wäre Cyrille nach dem Vorfall nicht abgehauen, hätte man auch ihn ohne Anhörung weggesperrt.“

Grenzen am Horizont beschreibt Cyrilles Versuche, versteckt unter einem Lkw von Ceuta aufs spanische Festland zu gelangen. Seine Heimat Kamerun musste er verlassen, weil er sich ein einziges Mal gegen die staatlichen Restriktionen gegen Straßenhändler zur Wehr gesetzt hatte – doch ein einzige Mal ist in Kamerun schon einmal zuviel. Die Tatsache, dass Cyrille es danach bis nach Europa schaffte, veranlasste seine Mutter, unerfüllbare Forderungen an ihn zu stellen. Dass Cyrille im „Land der Weißen“ derweil auf der Straße lebt, weiß sie allerdings nicht.