Der Grenzzaun um Ceuta war ein Politikum. 2005 hatte die Europäische Union in die Sicherung der europäischen Außengrenzen investiert und die Barriere zwischen Marokko und Ceuta von drei auf sechs Meter erhöht. Zwei Zaunreihen, ausgestattet mit Nachtsichtgeräten und Stacheldraht riegelten fortan die Grenze ab. Die Aufrüstung des Zauns hatte Aufsehen erregt. Unter den Migranten, die damals in den marokkanischen Wäldern lagerten, war Unruhe ausgebrochen. Viele sahen die Möglichkeit, es über den Zaun nach Europa zu schaffen, vor ihren Augen zunichte gemacht. Sie organisierten sich und stürmten gemeinsam gegen die Absperrung. Es waren martialische Szenerien: afrikanische Migranten versuchten mit selbst gebauten Leitern über den Zaun zu klettern. Auf der anderen Seite stießen überforderte spanische Grenzbeamte die Herandrängenden mit Stöcken zurück. Es hatte Tote gegeben, und in Europa waren die ersten Aufschreie gegen die Brutalität laut geworden, mit der die Europäische Union die Außengrenzen ihrer sogenannten Festung verteidigte. Doch all dies war lange her. Als Sekou in den marokkanischen Wäldern lagerte, war der Zaun längst zu einem Hochsicherheitstrakt geworden.
Sekou hatte sich an den Felsvorsprung gesetzt. Irgendwo im Tal bellten Hunde. Schweigend zog er die Knie zu sich heran und legte das Kinn auf. Er konnte den Blick einfach nicht vom Zaun lösen. Die Überwindung dieser Barriere war das Abenteuer seines Lebens gewesen. Niemals zuvor hatte er so viel aufs Spiel gesetzt. Sekou scharrte mit den Turnschuhen über den steinigen Boden. „Als du mich gefragt hast, ob wir hierherkommen, war die Angst wieder da“, sagte er. „Manchmal kommt sie nachts, wenn ich aufwache. Sie sitzt immer noch in mir, ganz tief drinnen.“ In seinem Gesicht zeichnete sich ein Schatten jener Anspannung ab, die damals sein ständiger Begleiter gewesen war: es war die Angst vor dem Zaun.
Sekou war mit all seinen Ersparnissen und einem Geldgeschenk seines Vaters aus Mali aufgebrochen und nach Algerien gefahren. Von dort hatte er sich bis nach Marokko durchgeschlagen. Er reiste nach Fnideq, einer marokkanischen Kleinstadt an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta. Viele afrikanische Migranten lebten dort in den Wäldern. Zwischen Bäumen und Büschen hatten sie sich Hütten aus Plastikplanen gebaut. Sie alle warteten auf eine Gelegenheit, über den Grenzzaun klettern zu können. „Es gab dort eine Quelle, von der wir Wasser holen konnten“, sagte Sekou. „Ganz in der Nähe lag das Dorf Mzala. Wenn wir Geld hatten, holten wir uns dort Brot und Reis. Wenn nicht, suchten wir im Müll nach etwas Essbarem.“ Zum ersten Mal löst sich sein Blick vom Zaun. „Stell dir das vor: Ich habe Müll gegessen! Ich habe gelebt wie ein Tier.“ Es verzog angewidert das Gesicht. Immer wieder hatte es damals Nächte der Tränen gegeben hatte. Momente, in denen er es bitterlich bereute, jemals von zu Hause weggegangen zu sein. Doch was hätte er tun sollen? Er hatte all sein Geld schon für die Reise nach Marokko ausgegeben. Nun musste er es durchziehen.
Acht Monate lang hatte Sekou im Wald gelebt, im Regen und in der Kälte. Immer wieder war er nachts wie ein Soldat über den Boden gerobbt, hatte sich an den Zaun herangepirscht, um die Grenzanlage zu beobachten. Oft hatte er stundenlang zwischen den Büschen gelegen. Bewegungslos, um sich nicht zu verraten. Er beobachtete genau, was vor sich ging. Irgendwann kannte er den Rhythmus der Patrouillen, wusste, wie sie sich bewegten, wo die Lücken im System waren und welchen Zeitpunkt er abwarten musste, um sich zum Zaun heranzupirschen. „Ich habe sie studiert.“ Sekous Augen blitzen schelmisch. „Ich habe die Abläufe analysiert und wusste, wer wann wohin ging. Elf Mal war ich direkt am Zaun und habe versucht rüber zu kommen. Zehn Mal wurde ich erwischt, dann hat es endlich geklappt.“ Sekou zuckte mit den Schultern. „Ob du es schaffst, ist reine Glückssache.“

Grenzen am Horizont erzählt davon, wie Sekou nach der Überwindung des Zaun versucht, in Ceuta Fuß zu fassen. Es erzählt von seiner ehrenamtlichen Arbeit beim roten Kreuz, wo er unter den Senioren Freunde findet, die ihn so nehmen wie er ist. Das Buch erzählt von den Lebensbedingungen seiner Familie im Westen Malis, einer von Dürre und Trockenheit geprägten Region eines der ärmsten Länder der Welt. Und es erzählt, wie Sekou nach dem Tod seines Vaters schließlich nicht anderes übrig bleibt, als in Spanien auf den Gemüseplantagen anzuheuern.